ÜBER FEHLGEBURTEN SPRECHEN


Ob wir das Leben nur deswegen bewältigen können, weil wir versuchen, möglichst wenig daran zu denken, wie viel Schmerzen und Unglück in ihm existieren und wie oft zwischen Helligkeit und Dunkelheit nur Wimpernschläge liegen? Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht, ob es uns besser ginge, wenn wir darüber sprächen, welche Dunkelheiten wir in unserem Leben kennengelernt haben und von welchen wir bei anderen wissen und ahnen. Wahrscheinlich könnte man das Leben schwer aushalten, würde man nicht immer wieder das tun, was verdrängen genannt wird. Doch nie darüber zu sprechen, macht auch einsam und mutet jenen, die ein Unglück erlitten haben, noch ein zweites zu – die Isolation.

 „Von allen befruchteten Eizellen kommt es nur in etwa 30 Prozent zu einer Lebendgeburt”, sagt die Kinderwunsch-Expertin Dr. Gülden Halis, geschäftsführende Ärztin im Kinderwunsch- und Endometriose-Zentrum Berlin in einem Interview auf der neuen Website „Das Ende vom Anfang”. Es ist eine bestürzende Auskunft. Weil sie einen daran erinnert, wie viele Fehlgeburten es gibt. Was wahrscheinlich der Grund dafür ist, warum man über sie nur so selten und oft hilflos redet. Man hat keine Ahnung, wie man damit umgehen kann. Man weiß, dass das Reden kein Baby zurückbringen kann. Und ahnt, dass auch Trost oft daran erinnert, was untröstlich ist. 

Die Journalistin Julia Stelzner hat sich trotzdem dazu entschlossen, die Initiative „Das Ende vom Anfang” zu gründen. Weil die Stille oft noch viel trostloser ist. Diese Stille, die aus Hilflosigkeit, Weitermachenmüssen, Nicht-an-Schmerzen-erinnern-Wollen so tut, als wäre das Unglück erst gar nicht geschehen und es deswegen nicht an- und ausspricht. „Fehlgeburten sind hart. Vor allem, wenn man sich alleine damit vorkommt, weil man gefühlt nur von Baby-Partys und glücklichen Neumüttern umgeben ist, während man sich selbst wie ein Versager fühlt. Dabei haben es rein statistisch so viele Frauen erlebt”, sagt Julia Stelzner. Ihre Website möchte daran endlich etwas ändern. Auf „Das Ende vom Anfang” erzählen Frauen von ihren Fehlgeburten. Und davon, wie sie ihre Fehlgeburten überlebt haben. Sie erzählen von ihren Erfahrungen und ihrer Traurigkeit, aber auch davon, was ihnen aus ihrem Tief wieder herausgeholfen hat. Ich lese darin und mir wird ganz kalt. Und ganz warm von ihrer Tapferkeit, von all dem zu erzählen – Leserinnen, denen dasselbe und doch ihr ganz eigenes Unglück passiert ist, zu sagen, dass sie nicht alleine sind, dass es andere Menschen gibt, die wissen, wie schwer das ist und dass man den Schmerz vielleicht nie wieder ganz los wird, aber irgendwann aushält. „Ich würde mir wünschen, dass noch mehr Frauen über ihre Fehlgeburten sprechen. Geteiltes Leid ist tatsächlich so etwas wie halbes Leid und je mehr Frauen es am Ende sind, desto weniger ungewöhnlich oder gar ausgrenzend fühlt sich eine solche Erfahrung an”, sagt Julia Stelzner.

Weil mich ihre Seite so beeindruckt und mich in den letzten Wochen sehr beschäftigt hat, habe ich der Hebamme Kareen Dannhauer einige Fragen gestellt, die ich im Kopf hatte. Vielleicht interessieren euch ihre Antworten ja auch.

Fehlgeburten sind gar nicht so selten. Immer sind sie eine Katastrophe und ein großer Schock für die betroffenen Frauen. Die Zahlen darüber, wie häufig das passiert, variieren sehr stark. Woran liegt das?

Kareen Dannhauer: Eine konkrete Zahl ist hier gar nicht so einfach, wie man denken mag – in der Literatur gibt es tatsächlich unterschiedliche Angaben. Das liegt auch daran, dass Schwangerschaften heute schon so früh diagnostiziert werden, nicht selten von den Frauen selbst zu Hause, schon am Tag vor der erwarteten Regel. Viele Fehlgeburten sind ganz, ganz frühe Anlagestörungen, die man früher, vor der Ära der bildgebenden Verfahren, gar nicht als intakte Schwangerschaft diagnostiziert hat. Wenn man alle diese Schwangerschaften mitzählt, liegt die Quote bei etwa 15 Prozent aller angelegten Schwangerschaften, die nicht zur Geburt eines Babys führen. Schlägt allerdings das Herzchen in der 7. Schwangerschaftswoche, enden danach nur noch 3–4 Prozent mit einer Fehlgeburt. Eine andere Zahl: Man geht davon aus, dass etwa 20 Prozent aller Frauen mit Kinderwunsch in ihrem Leben mindestens eine Fehlgeburt erleben.

Trotzdem wird über dieses Thema nur selten geredet. Wie erklärst du dir das? 

Ich glaube, dass der Kinderwunsch immer ein sehr persönliches Thema ist, das uns alle mit existenziellen Themen konfrontiert, von Beginn an. Und es ist auch etwas sehr Privates. Frauen, die nicht sofort nach dem Absetzen der Pille schwanger werden, kennen das: Sie wollen nicht auf jeder Party die Phasen des Übens kommunizieren und ob es nun endlich geklappt hat. Druck macht man sich sowieso schon selbst, das braucht man dann nicht auch noch von außen. Und wenn es dann klappt mit dem Schwangerwerden, ist für viele Menschen die Idee zwangsläufig: „Ohhhh… und in neun Monaten haben wir dann unser Baby im Arm“. Dass die Natur manchmal knallhart und wenig romantisch Darwins Gesetzen folgt, ist uns in unserer kontrollierten Welt oft schlicht nicht mehr klar. Und dann wird uns diese Selbstverständlichkeit plötzlich genommen und damit ganz viel in Frage gestellt. Und wir sind sehr verletzlich. 

Wir leben heute ein ziemlich durchgeplantes Leben und jede Planänderung anderer Mächte erleben wir als Kontrollverlust und auch als Infragestellen unserer nach Perfektion strebenden Welt – manchmal auch unserer eigenen Selbstwahrnehmung. Schicksal ist in unserem Plan meist nicht enthalten. Und oft erleben Frauen ihre Fehlgeburt auch in einer Phase, in der die Schwangerschaft noch ein Geheimnis war. Beides gleichzeitig zu verkünden: „Ich war schwanger, aber jetzt übrigens nicht mehr” – das ist für viele Frauen auch keine Option. Aber, und das legen ja die 20 Prozent von oben nahe: Wenn man anfängt, darüber zu reden, stellt man fest: Ich bin nicht allein.

Was ist zu tun, wenn man eine Fehlgeburt hat – und was nicht?

Erst einmal muss man diese schreckliche Nachricht verdauen. Die meisten Fehlgeburten versammeln sich in der Gruppe der sogenannten „Missed Abortion“, die verhaltene Fehlgeburt. Es gibt also oft keinerlei Symptome, die die Frau von außen spürt – wie etwa Wehen oder Blutungen. Bei der zweiten oder dritten Vorsorgeuntersuchung wird dann einfach festgestellt, dass das Baby sich nicht weiter entwickelt hat und kein Herzschlag (mehr) zu sehen ist. Das kann und will man überhaupt gar nicht wahrhaben und glauben. Das Baby ist gegangen, einfach so? Eben war doch noch alles gut und man hat schon über Vornamen nachgedacht. Da braucht das Realisieren einfach Zeit, und es ist oft enorm hilfreich für die Frauen zu wissen, dass sie jetzt erst einmal gar nichts machen müssen. Außer irgendwie wieder Boden unter die Füße zu kriegen und sich in dieser dumpfen Taubheit alle Gefühle zu gestatten. Und dann in Ruhe sacken lassen, was jetzt die nächsten Schritte sein können. Ganz sicher muss man nicht mit dem Zettel, der einem dann in die Hand gedrückt wird, noch unter Schock stehend in die Klinik fahren, um sich dort wenige Stunden später auf dem OP-Tisch wiederzufinden.

Als Alternative zu einer Ausschabung gibt es auch die Möglichkeit, eine natürliche „Kleine Geburt” in Erwägung zu ziehen. Was genau ist das und was spricht für diesen Umgang mit einer Fehlgeburt?

Im Prinzip kann man sagen, dass es in fast allen europäischen Ländern mit einer qualitativ guten medizinischen Betreuung die absolute Regel und nicht die Ausnahme ist, dass Frauen eben keine Ausschabung bekommen. Ich bin mir sehr sicher, dass sich auch hierzulande in den nächsten Jahren einiges tun wird, dazu sind die Zahlen einfach auch klar genug. Immerhin 98 Prozent aller Frauen brauchen keine sogenannte Curettage. Der Vorteil ist ganz klar der, dass die Gebärmutter keinem Verletzungsrisiko ausgesetzt wird. Selbst bei einer Saug-Curettage werden die Ecken der Gebärmutter noch mit einem kleinen Löffel nachcurettiert. Das ist nicht schlimm, aber grundsätzlich meist schlicht unnötig. Es ist natürlich Quatsch, davon auszugehen, dass Frauen prinzipiell einen Arzt brauchen für einen häufigen, irgendwie dann doch natürlichen Prozess, mal evolutionsbiologisch betrachtet.

Alternativ kann man auch ganz banal: Warten, eventuell unterstützt durch verschiedene naturheilkundliche Maßnahmen. Das dauert oft, eher Wochen als Tage, aber dann löst der Körper das von allein. Für viele Frauen ist das lange Warten schwierig, es geht aber prinzipiell. Viel häufiger, und das ist das übliche Vorgehen etwa in den Benelux-Ländern, der Schweiz oder Skandinavien, ist eine medikamentöse Ausleitung der Fehlgeburt. Dafür wird das Medikament Minoproston (etwa Cytotec®) vaginal oder oral gegeben. Über 95 Prozent aller Frauen haben dann innerhalb von 48 Stunden eine spontane und vollständige Fehlgeburt, es beginnen also Wehen und Blutungen. Das geht bei guter Betreuung ganz wunderbar zu Hause, man muss nicht einmal ins Krankenhaus dazu.

Wie ging es den Frauen, die du in diesem schwierigen Moment begleitet hast?

Ausnahmslos alle Frauen, die ich mit Fehlgeburten betreut habe, waren unglaublich dankbar, diesen schlimmen Verlust zumindest autark und gut begleitet zu durchleben. Das Prozesshafte lässt auch die Seele irgendwie mitgehen. Es ist nicht: Narkose, Aufwachen, Baby weg, Gebärmutter leer. Es bleibt viel mehr Raum für Trauer, Abschied und all das, was dazu gehört. Und das wichtige Gefühl: Auch das kann mein Körper irgendwie, und er kann es weitgehend alleine.

Leider wird vielen Frauen von dieser Alternative gar nicht oder nur unter ferner liefen erzählt, weil noch nicht viele Gynäkologen Erfahrungen damit haben. Die „Machen-wir-schon-immer-so-Curettage” ist leider immer noch die Regel. Vielen Frauen ist tatsächlich nicht klar, dass dieser Weg nicht zwangsläufig ist und sie die Zeit haben, in Ruhe zu entscheiden.

Wie kann man sich überhaupt unterstützen lassen?

Viele Frauen sind auch so allein, weil es wenig Betreuungsstruktur gibt. Beim Gynäkologen geht es schnell um die fachlich-sachlichen Dinge der medizinischen Umgehensweisen. Wer ist also zuständig? Eine Antwort, die Frauen oft gar nicht auf dem Zettel haben: Wir Hebammen. Ruf eine an, gleich und sofort. Nicht alle Kolleginnen betreuen Frauen mit frühen Fehlgeburten, aber mehr und mehr. In diesem Umfeld mit persönlicher Betreuung kann eine Fehlgeburt das sein, was es ist: eine intensive und bleibende biographische Erfahrung, der eine gute Begleitung, medizinisch und menschlich, gebührt.

Viele Frauen, die eine Fehlgeburt haben, suchen hinterher nach Gründen bei sich selbst oder fragen sich, ob sie etwas falsch gemacht haben...

Ja, natürlich, so sind wir gestrickt. Menschen brauchen Erklärungen, und am liebsten Ursache-Wirkungsbeziehungen. Es ist einfach so unerklärlich, warum bloß? Eben war doch noch alles gut! Aber genau so ist das manchmal. Es gibt keine Erklärung auf dieser Ebene, außer: Das kommt eben vor. Es sollte einfach irgendwie nicht sein. Es ist wichtig, auch das als Teil des Gesunden und Normalen, aber eben nicht Perfekten – denn so ist unser Leben nicht – zu akzeptieren. Es lag nicht an dem Glas Cremant, das du getrunken hast, bevor du überhaupt wusstest, dass du schwanger warst. Es lag nicht am anstrengenden IKEA-Besuch oder am Streit mit deinem Mann. Jetzt zum Fertilitätsspezialisten oder Humangenetiker zu rennen, bringt ebenfalls gar nichts, außer, dass wir mit Aktionismus unserer Verzweiflung zu begegnen versuchen.

Was kann deiner Erfahrung nach denn helfen, wenn sich alles nur noch leer und traurig anfühlt? Was gibst du den Frauen mit auf den Weg?

Diese Leere ist wichtig, denn sie ist real. Das Baby ist gegangen, und auch das war real. Und nichts scheint an dessen Stelle zu treten. Es gab einen errechneten Entbindungstermin, dazu passend die Vorstellung, mit dem Kinderwagen durch den Park zu spazieren und ganz versonnen winzige Babysöckchen anzugucken. Mutter oder Nicht-Mutter – da gibt es ja auch kein Dazwischen. Von jetzt auf gleich wird man wieder zurückkatapultiert. Das braucht alles Zeit, Erholung, Trauer in all ihren Phasen, mit Aufs und Abs. Und durch die muss man auch durch, eine wirkliche Abkürzung gibt es da leider nicht.

Betroffen sind in dieser Situation auch die Väter. Wie trauern sie? 

Auch das ist sicher so individuell wie alles. Aber anders als in meinen Wochenbettbetreuungen sind Männer viel weniger Teil dieses Prozesses – und auch viel weniger anwesend. Die müssen am nächsten Tag ja auch gleich wieder arbeiten. Dazu kommt der körperliche Unterschied. Väter konnten das Schwangersein und das Baby selbst noch nicht spüren – und so war das Baby möglicherweise noch eine viel theoretischere Idee, als es für die Frauen der Fall war. Manchmal fällt es ihnen deshalb leichter, sich im Alltag wieder zu orientieren. Manchmal trägt diese unterschiedliche Art von Trauer zum Sich-Unverstanden-Gefühl einiger Frauen bei. Aber natürlich gibt es auch Männer, die am Boden zerstört sind und über Tage gar nicht aufhören können zu weinen.

Wie kann man Freundinnen unterstützen, die eine Fehlgeburt hatten? Gibt es richtige (oder falsche) Worte?

Das ist für alle Beteiligten schwierig. Für richtige oder unrichtige Worte gibt es vor allem sehr unterschiedlich begabte Menschen. „Ach, beim nächsten Mal klappt es bestimmt” oder „Es war ja noch gar kein richtiges Baby” wird hoffentlich kein halbwegs fühlender Mensch aussprechen. Aber auch mit einem selbst macht es ja was, wenn die Freundin eine Fehlgeburt hat. Erstens trauere ich mit. Zweitens habe ich auch meine eigene Geschichte, wie auch immer die aussieht. Und drittens ist das Schwangersein in gewissen Lebensspannen verortet, die manchmal gleichzeitig stattfinden. Da wollte man gerade verkünden, dass man schwanger ist und die beste Freundin hat eine Fehlgeburt. Und nun? Darf ich mich über mein Baby rückhaltlos freuen? Darf ich ihr zumuten, dass sie sich mit mir freuen soll? Viele betroffene Frauen können das nicht gut und brauchen erst einmal Rückzug. Plötzlich schlägt einem mit voller Wucht entgegen, dass „alle ein Baby kriegen, nur man selbst nicht“. Man sieht überall dicke Bäuche und Kinderwägen. Das ist schrecklich. Es hilft betroffenen Frauen sicher, wenn dieser Rückzug akzeptiert wird und mit empathischem Dasein beantwortet wird.

Wie schnell darf oder kann man deiner Erfahrung nach wieder schwanger werden?

Der Körper ist klug und regelt das im Prinzip von selbst. Neuere Studien sagen, dass es keine Vorteile hat, eine willkürliche Zeit, etwa drei Monate – dieser Zeitraum geistert manchmal noch umher – mit einer neuen Schwangerschaft zu warten. Dazu haben die Paare meistens ein klares Gefühl von Vorstellbarkeit. Einige Frauen brauchen Zeit für die Verarbeitung, andere weniger. Und einige Gebärmütter warten nur auf die nächste Gelegenheit – andere brauchen offenbar länger. Auch das Alter spielt sicher eine Rolle: Eine bislang kinderlose 38-Jährige wird möglicherweise nicht ein halbes Jahr lang diverse Eisprünge verpassen wollen, da tickt die Uhr manchmal ein bisschen lauter.

Und wie stehen die Chancen, nach einer Fehlgeburt eine ganz normale Schwangerschaft zu erleben?

Gut. Ganz und gar gut. Bei allem, was es an persönlicher Tragödie für eine Frau bedeutet, ein Baby zu verlieren, ist es einfach auch Teil des natürlichen Prozesses. Dass es eben manchmal nicht klappt, scheint zu unserer Fruchtbarkeitsbiografie im Leben als Frau mit dem Kinderkriegen irgendwie auch dazuzugehören. 


Kareen Dannhauer ist seit über 20 Jahren Hebamme und arbeitet als freiberufliche Hebamme in Berlin. Ihr Schwangerschafts-Ratgeber „Guter Hoffnung – Hebammenwissen für Mama und Baby” ist gerade im Kösel-Verlag erschienen.

Julia Stelzner schreibt als freie Mode- und Reisejournalistin zum Beispiel für die FAZ, die ZEIT, Harper´s Bazaar oder Elle. Im September ist ihr neues Buch „Wie wir kochen: Die besten Foodblogs und ihre leckersten Rezepte” bei Prestel erschienen. Sie lebt in Berlin.

Die Website „Das Ende vom Anfang” ist hier zu finden. Wer gerne seine Geschichte erzählen möchte (oder darüber nachdenkt und sich gerne austauschen würde) erreicht Julia unter unter der Email: hallo(at)dasendevomanfang(dot)de.

EINFACH NUR SO... HEY, YA!




Auch toll: Das hier. Und das hier. Habt noch einen schönen Dienstag.

DREI LIEBLINGSMASKEN
(UND DAS ENDE DER SCHLECHTEN LAUNE)



Nach ein wenig zu viel Wäh in den letzten Tagen habe ich beschlossen, mir so lange gut zu tun, bis das Wäh selbst schlechte Laune bekommt und sich verzieht. Hat funktioniert. Mit einer Schlickertüte von Herrn Nilsson. Mit einem langen Vormittag im Leisepark mit der kleinen Spaziergängerin. Mit einem neuen Buch. Und schließlich einem kinderfreien Abend, den ich in der Wanne verbracht habe – mit Bademantelfernsehen auf dem Rechner und einer Maske im Gesicht. Falls es euch ähnlich geht: Hier sind drei Masken, die ich gerade mag.

Diese Maske mit Cranberry und Kurkuma-Extrakt wirkt wie ein doppelter Espresso fürs Gesicht. Hinterher sieht meine Haut frisch und wach aus. Und ist unglaublich weich. Was wahrscheinlich an der Kombination aus Maske und Peeling liegt, denn am Ende der Einwirkzeit massiert man die Maske mit feuchten Händen und kreisenden Bewegungen in die Haut ein. Den kräuterigen Duft muss man wahrscheinlich mögen, ich mag ihn sehr. Weshalb diese Maske seit unserem Amsterdam-Urlaub in Dauerbenutzung ist.

Dazu: Auf jeden Fall Meryl Streep. „Julie & Julia” (weil: Meryl Streep UND Kochen UND Paris) oder „Wenn Liebe so einfach wäre” (weil: Meryl Streep UND Alec Baldwin UND diese Croissant-Szene UND diese Küche). 


Meinen beiden anderen Lieblingsmasken bin ich schon ewig treu und werde es wohl noch lange bleiben, weil sie meiner Haut geben, was sie eigentlich immer gut gebrauchen kann: eine anständige Reinigung und extraviel Feuchtigkeit. Wenn ich genug Zeit habe, benutze ich sie hintereinander. Zuerst das Peeling mit Glykolsäure und Papaya (dafür ohne Peelingkörnchen, was es sehr sanft macht). Dann die herrlich cremige Feuchtigkeitsmaske (Konsistenz ungefähr: Crème fraîche), die genau das tut, was sie verspricht und sich sehr luxuriös anfühlt.

Dazu: Zwei Folgen „Modern Family”. Oder zwei Folgen „How I Met Your Mother”, nein, drei.

Was sind denn gerade eure Lieblingsmasken? Alte Lieblinge oder neue Entdeckungen?
Ich wünsch euch einen schönen Tag.

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DER SEPTEMBER 2017 (UND WAS IHN GUT GEMACHT HAT)

Wie die letzten Wochen waren:
Wild und innig und anstrengend, habe ich letzten Monat geschrieben, und ich könnte es gleich wieder schreiben. Wobei dieser Monat noch ein wenig wilder war als der letzte. Eigentlich ist alles gut. Und doch würde ich mir gerade gerne die Decke über den Kopf ziehen und mich verstecken (was schon deshalb nicht geht, weil Hedi sie mir sofort wieder wegziehen und DA! rufen würde). So ganz genau weiß ich nicht, was gerade in mir lebensmuskelkatert. Ich merke nur: Ich bin müde. Und es kostet mich viel Kraft, jeden Tag alles auf die Reihe zu kriegen – das Wirsein, Mamasein, Partnerinsein, Schreiberinsein, Freundinsein, Ichsein, Immersein. Ich warte einfach mal ab. Wenn man sich einseufzen kann, sollte man sich ja auch wieder ausseufzen können. 

Der schönste Moment:
Als Hedi eines Morgens durch die Küche spazierte. Ein Schritt, noch einer, noch einer. Wackelig, aber sehr entschieden. Ich fand es schon beim ersten Kind unglaublich, und beim zweiten nicht weniger. Plötzlich gehen diese kleine Menschen durch die Welt. Plötzlich schauen sie dich an und sagen „Nein!” und schütteln den Kopf. Plötzlich tapsen sie auf dich zu, lassen sich in dich hineinfallen und legen ihre kleinen Arme um deinen Hals. Und: Der Montagabend, als es plötzlich bei mir klingelte und meine Freundinnen vor der Tür standen, um mich auszuführen und die Veröffentlichung von „Herdwärme” zu feiern. Die erste Überraschungsparty meines Lebens und ich werde sie nie, niemals vergessen.

Was ich gerade ständig trage:
Die Strickjacke, die ich meiner Freundin C. nachgekauft habe. (Ich hab sie vorher gefragt, und trotzdem fühlt es sich merkwürdig an – ich weiß noch, wie wir früher im Büro manchmal richtig sauer waren, wenn wir einander irgendwelche Bauernblusen nachgekauft hatten). Aber ich konnte nicht anders. Sie ist korallenrot – die Art Leuchtrot, bei der man nicht die Augen zusammenkneifen muss, aber sofort gute Laune hat. Sie ist so weich, dass man sich mit ihr zudecken möchte. Und sie passt immer. Ich trage sie nach dem Aufstehen, wenn der Tag schon da ist, aber ich noch nicht. Als Jacke, wenn es draußen nicht mehr warm, aber auch nicht richtig kalt ist. Zu weißen T-Shirts und Ringelshirts. Und am Abend, wenn ich die tausend Dinge erledige, die noch zu erledigen sind. Sie ist schweineteuer, aber ich habe den Kauf nicht bereut. Ebenfalls in Dauerbenutzung: meine gesammelten Urlaubs- und Lieblingsarmbänder. Das neongelbe Band von Merci aus Paris. Das goldene aus dem Gather Shop in Amsterdam. Und das Pizza-Armband, das ich so mag, auch wenn es total albern ist. 

Eine Beauty-Entdeckung:
Das Handpflegeöl von Alverde. Hilft mir gerade besser als Handcreme gegen meine trockenen Hände, zieht schnell ein, duftet gut und kostet drei Euro. Mal wieder ein toller Tipp von der tollen Hanna. 

Das schönste Geschenk:
Nach der Schule war ich mit Fanny noch in diesem Laden, den wir uns schon ewig ansehen wollten. Wir stöbern herum und bewundern die unglaublich schönen Möbel, die man hier kaufen kann. Als wir gehen wollen, sagt der Besitzer zu Fanny: „Sag mal, magst du auch Steine?” Fanny nickt. Er geht weg, kommt mit seiner alten Steinsammlung wieder und schenkt sie ihr. Wie schön diese Steine sind – und ein Mensch, der einem kleinen Mädchen eine so riesige Freude macht. Einfach so.

Noch eine unbezahlbare Kostbarkeit:
So langsam fängt Fanny richtig an zu lesen und wünscht sich immer neue Vorlesebücher. Und plötzlich begegnen mir all die Bücher wieder, die ich in meiner Kindheit so gerne gelesen (und vorgelesen bekommen) habe: „Konrad oder Das Kind aus der Konservenbüchse” zum Beispiel. Und natürlich: das Sams. Am Freitag waren wir bei der Lesung von Paul Maar, der „Das Sams feiert Weihnachten” vorgestellt hat. Was waren wir beide hingerissen. Und am Ende hat er Fanny eine Widmung in ihr Buch geschrieben. „Für Fanny von Paul Maar”. 

Gerne geklickt:
* Die Video-Serie „Humans of New Yorks – The Series”. Beeindruckend, berührend, immer wieder unglaublich lustig. 
* Was für eine schöne Wohnung. Genau so eine Bank hätte ich irgendwann gerne mal in unserer Küche. 
* Ein Mann befragt Paare, die länger als zehn Jahre zusammen sind, nach ihrem Ratschlag für eine glückliche Beziehung: „Every successful relationship is succesful for the same exact reasons.”
* Garance Doré erzählt, warum sie nicht mehr zu Modenschauen geht. „Maybe I´ll never find anywhere I truly fit in. Maybe that´s what makes me who I am. Maybe I´m just made to be unfitting, unbelonging – and free.”
* „Der Heftige”: Ein Portrait über den Schauspieler Birol Ünel – wiedergefunden über Reportagen.fm, die jeden Freitag eine wirklich tolle, immer sehr bereichernde Auswahl von Reportagen in ihrem Newsletter verschicken (hier sind noch ein paar andere Lieblingsnewsletter).
* Ein Arzt nimmt Abschied von seinem Patienten: „One Last Visit to See My Patient”. 
* Und dann noch dieses Video (und überhaupt die ganze Serie „Have You Seen this?”, wie großartig ist denn bitte die Idee, über ein besonderes Detail zu schreiben – den Schuh in einem Bild von Manet, einen Mann, der Pizza macht, oder eben: diesen Tanz.)


Wie ist es euch denn diesen Monat ergangen? 
Kommt gut ins Wochenende, ich wünsch euch ein schönes.

PFLAUMENKUCHEN FÜR STRICKJACKENTAGE


Ich mochte ihn schon, bevor ich ihn überhaupt zum ersten Mal probiert habe. Die Geschichte ist einfach zu schön: Seit 34 Jahren ist Marian Burros Food-Kolumnistin bei der „New York Times”. In dieser Zeit tat sie, was jeder Journalist tut, der seinen Beruf ernst nimmt: Sie versorgte ihre Leser beständig mit neuen Informationen, Geschichten, Recherchen und in ihrem Fall: auch mit Rezepten. In einem Artikel über die frisch renovierte Lebensmittelabteilung bei Bloomingdale´s schrieb sie auch das Rezept für einen Pflaumenkuchen auf. Und ahnte dabei wohl nicht, wie sehr die Leser es mögen würden. Tatsächlich liebten sie es so sehr, dass sie die Zeitung darum baten, das Rezept noch einmal abzudrucken. Wer sich den Artikel vom 21. September 1983 nicht aufgehoben hatte, konnte das Rezept schließlich nicht mal eben schnell im Internet nachschauen. Also druckte die „New York Times” es 1984 noch einmal. Und 1985. Und 1986.

Der Pflaumenkuchen musste einfach sein. Womit sonst könnte man den Herbstanfang besser feiern als mit ihm? Und so riefen sie an, fragten, wann denn dieses Mal „das Rezept” in der Zeitung sei. Für Marian Burros fühlte es sich manchmal an, als würde sie genötigt werden. „Eine besorgte Pflaumenkuchenbäckerin rief an und wollte wissen: Bringt ihr das Rezept? Als ich sagte, es gäbe Bedenken, es ein sechstes Mal zu veröffentlichen, sagte sie: „Oh, ich kann 12 Leute in meinem Büro dazu bringen, Leserbriefe zu schreiben und es zu fordern.” Das war 1989. Die Times hatte beschlossen, das Rezept ein allerletztes Mal abzudrucken, unter der Überschrift „Once More (Sigh), The Plum Torte”. Frau Burros sagt darin, dass es nun wirklich das allerletzte Mal sei. Echt jetzt. 1991 war es dann wieder in der Times. Die Leser hatten darauf bestanden.


Nachdem ich diesen Kuchen in kurzer Zeit nun auch schon dreimal gebacken habe, kann ich sie verstehen. Es ist kein wahnsinnig originelles Rezept, bloß ein wirklich guter Pflaumenkuchen, der an den ersten Strickjackentagen ganz besonders gut schmeckt.

Hier ist eine Geschichte über die unverbrüchliche Liebe zu dieser Pflaumentorte. Hier ist das Rezept in der Originalfassung. Und hier meine Übersetzung zum Nachbacken:

DER EWIGE NEW-YORK-TIMES-PFLAUMENKUCHEN

ZUTATEN:
150 g Zucker
115 g weiche Butter
125 g Mehl (gesiebt) *
1 TL Backpulver
1 Prise Salz
2 Eier
12 Pflaumen, entkernt und halbiert (ich nehme mehr)
Zucker, Zitronensaft und Zimt (ca. 1 TL) für das Topping (ich nehme braunen Zucker)

ZUBEREITUNG:
1) Den Ofen auf 180 °C Ober/ Unterhitze vorheizen.
2) In einer Schüssel den Zucker und die Butter mit einem Mixer cremig schlagen. Das Mehl, das Backpulver, eine Prise Salz und die Eier darunter rühren und gut mixen.
3) Den Teig in eine Springform von 20, 22 oder 25 cm Umfang geben (ich habe die Form vorher gebuttert). Die Pflaumenhälften mit der Schale nach oben auf dem Teig verteilen. Mit Zucker bestreuen und Zitronensaft beträufeln, je nachdem, wie süß die Pflaumen sind. Mit Zimt bestreuen.
4) Etwa eine Stunde backen. Nach einer halben Stunde eine erste Stäbchenprobe machen (in meinem Herd ist er bereits nach 30 Minuten fertig). Aus dem Herd nehmen und abkühlen lassen. Wir essen ihn mit viel Schlagsahne.

* Das Originalrezept verlangt nach unbleached flour, ich habe Weizenmehl Typ 550 genommen.

Herzlichen Dank an Teresa, die mich durch ihren Kommentar erst auf diesen Kuchen und diese Geschichte gebracht hat. Die anderen Pflaumenkuchen-Rezepte, die ihr netterweise unter meinem August-Rückblick hinterlassen habt, werde ich auch noch ausprobieren. Danke dafür!

EINE (KLEINE) KÜCHENTISCH-LESUNG VON „HERDWÄRME”


Heute erscheint mein neues Buch. Und obwohl letzte Woche ein großes Paket voller „Herdwärme” hier ankam, kann ich es noch immer nicht so recht glauben. 

Jetzt ist es wirklich da. 

Und jedes Mal, wenn ich hineinlese, fällt mir wieder eine andere Geschichte ein. Zum Beispiel wie Herr Schleich, der in der Österreichischen Botschaft arbeitet, bei uns in der Küche stand und mir zeigte, wie man ein anständiges Schnitzel macht. Mir erklärte, warum mein Fleischklopfer leider gar nicht geht, welchen Unterschied zwei Löffel Estragonsenf machen können und wie man am Zischen erkennen kann, wann das Schnitzel fertig ist. Zu sagen ich wäre bezaubert gewesen, ist eine himmelweite Untertreibung. Oder der Tag mit Eschi Fiege, zu der ich nach Wien gereist war, um mir erklären zu lassen, was ein gutes Mittagessen ausmacht – sie hatte ein Kochbuch darüber geschrieben, das ich sehr mag. Erst gingen wir gemeinsam über den Naschmarkt und kauften ein, dann kochten wir zusammen und redeten – über die Dramaturgie von Drei-Gänge-Menüs, über unvergessliche Mittagessen und warum das Kochen einem so viel übers Leben beibringt. Oder das Gespräch mit Telse Bus, deren Mops Bonbon sich nach drei Minuten auf meinen Schoss legte und dort liegen blieb, während wir ein paar Stunden darüber sprachen, wie man es schaffen kann, sich frei zu kochen. Telse redete schnell, gestikulierte wild, lachte laut und dann noch ein bisschen lauter. 

Die 14 Köchinnen und Köche, Patissières und Patissiers, Küchenladenbesitzer und Food-Konzepterinnen, die ich in den letzten zwei Jahren getroffen habe, um mir von ihnen das Kochen beibringen zu lassen, sind so unterschiedlich wie die Dinge, die sie mir gezeigt haben. Und doch haben sie alle etwas gemeinsam: Sie sind auf eine unbändige Weise in das verknallt, was sie tun. Sie sind auch nach Jahren noch erstaunt darüber, wie toll das Kochen und Essen sind. Sie sind unendlich großzügig darin, ihre Gerichte und ihr Wissen zu teilen und einen anzustecken mit ihrer Leidenschaft. Sie sind neugierig darauf, etwas so gut wie nur irgendwie möglich zu machen. Und sie sind einfach so verdammt tolle Menschen. 

Deshalb bin ich heute vor allem: einfach nur dankbar. Auch sehr aufgeregt und nervös und lampenfieberig. Ich würde mich so freuen, wenn ihr mit all dem (und den Koch-Geschichten aus meinem Leben) etwas beginnen könntet. Zur Einstimmung lese ich euch heute das erste Kapitel vor. Keine Profi-Aufnahme, sondern eine Küchentisch-Lesung (inklusive lautem Anfangsknacken, Hall und Wackeln in der Stimme, es ist tatsächlich die erste Lesung meines Lebens). 

„Herdwärme” liegt ab heute in den Buchläden, man kann es aber auch online bestellen. Das Foto oben hat – wie auch alle Fotos im Buch – Simone Hawlisch gemacht (danke!).

SERIEN-TIPP: RED OAKS


Die High School ist überstanden, das College und das Leben warten, aber David weiß noch nicht, was genau er von beiden will. Film studieren und sich mit der Nouvelle Vague beschäftigen, wie er es eigentlich will? Oder doch Steuerberater werden, um irgendwann die Kanzlei vom Vater zu übernehmen? Erst einmal den letzten Sommer, bevor es ernst wird, überleben. Im Country Club als Tennislehrer anheuern, herausfinden, wie viel Zukunft seine Liebesgeschichte hat und darauf hoffen, dass er von selbst herausfinden wird, was er will. Aber natürlich kommt alles anders. Denn das Leben ist kompliziert, das Leben eben.

So eine Geschichte ist „Red Oaks”. Eine Geschichte über das Erwachsenwerden (und: Erwachsensein), mit allem, was dazu gehört: glühenden Träumen und zerstobenen Illusionen, mit Höhenflügen und Bruchlandungen und den ganz großen Fragen nach dem Sinn des Lebens. Natürlich auch mit jeder Menge Peinlichkeiten, Albernheiten und Fettnäpfchen – es ist ja nicht leicht zu verkraften, wenn die eigenen Eltern bei ihrer Paartherapie therapeutisches Ecstasy nehmen, um dann statt im Ehebett im eigenen Jugendzimmer zu landen. Das alles ist am Anfang ziemlich merkwürdig, und dann, ungefähr als man beschließt, vielleicht doch lieber etwas anderes zu gucken, einfach nur eine virtuose Fernsehserie. „Red Oaks” tut, als würde sie sich über die 80er-Jahre lustig machen – über die bescheuerten Klamotten und Frisuren, über die Dating-Gebräuche, das Aerobic-Gehopse, die High-School-Stecher und unerreichbaren Jahrgangs-Schönheiten und über alberne Country-Club-Rituale. Man sieht das gerne und muss oft grinsen. Aber je länger man guckt, desto näher geht einem diese Serie. Weil sie wirklich jede ihrer Figuren innig liebt und sich über keine von ihnen lustig macht. Weil sie das Erwachsenwerden so ernst nimmt, wie junge Menschen das tun. Weil sie zwar immer wieder verspielt ist, aber nicht mit der Liebe spielt. Und weil sie an den Klischees, die sie zitiert und inszeniert, vorbei schaut, in die Herzen der Menschen hinein, deren Leben sie einem zeigt. „Red Oaks” ist wie einer dieser Cocktails, bei denen das Glas einen Zuckerrand hat: zuerst unheimlich süß, dann mit Wumms. Zwei Staffeln gibt es bisher, im nächsten Jahr wird es eine dritte und letzte geben. Ich kann sie kaum erwarten.

Hier ist der Trailer:


Red Oaks läuft auf Amazon Prime. Bild: Amazon Presse.

NEU IM NETZ: WUNDERSCHÖNE KERAMIK VON MOTEL A MIO

Irgendwann war da diese Email in meinem Postfach. Eine Einladung zum Pop-up-Sale von Motel a Mio. Schöne Keramik, dachte ich, und ging hin – eigentlich nur, um einmal kurz zu gucken. Woraus ein sehr langer Nachmittag wurde. Gefolgt von einem zweiten und schließlich dritten Besuch im temporären Laden der beiden Münchnerinnen Anna von Hellberg und Laura Castien. Seit diesem Wochenende wohnen roséfarbene Schüsselchen, schwarze Teller und zwei große hellgraue Obst-Schüsseln in unserer Küche. Und so kopflos die Motel a Mio-Liebe auch gewesen sein mag: Bereut habe ich meinen Rieseneinkauf nie. Ich freue mich einfach so über Dinge, die den Alltag ein bisschen schöner, besonderer, feierlicher machen. Wie meine beiden Lieblingskaffeebecher, die ich damals auch gekauft habe. Sie sind groß und schwer und haben besonders breite Griffe. Der eine hat oben rechts eine kleine Delle, der andere nicht. Morgens im Sonnenlicht sehen sie Knallorangerot aus, abends eher Rostrot. Bloß zwei Kaffeebecher und doch freue ich mich jeden Tag über sie. Und weil es seit heute endlich einen Onlineshop gibt, Motel a Mio diese Woche auch wieder zu Besuch in Berlin ist und ich gerne wissen wollte, wer die Frauen hinter dieser so wunderschönen Keramik sind, habe ich den beiden 35-jährigen Macherinnen Anna und Laura ein paar Fragen gestellt. Vielleicht geht es euch ja wie mir und es ist Liebe auf den ersten Blick. 

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, Motel a Mio zu gründen? 

Anna von Hellberg und Laura Castien: Tatsächlich war es entweder Zufall oder Schicksal. Wir waren mit unseren Familien in Portugal im Urlaub. Da uns nicht nur unsere Freundschaft, sondern auch die Liebe zu gutem Essen verbindet, sind wir immer auf der Suche nach tollen Restaurants. So saßen wir dann in dieser coolen kleinen Strandbar vor köstlichem Essen, das auf wunderschönen Tellern serviert wurde. Und da war es um uns geschehen. Wir haben uns gleich am nächsten Tag auf die Suche nach dem Hersteller gemacht und ganz spontan ein bisschen was eingepackt. Dann ging es zurück nach München. Dort haben wir unseren ersten Pop-up-Sale im Glockenbachviertel veranstaltet – gleich nach dem ersten Tag war alles ausverkauft! Das war wirklich unglaublich. Wir waren so begeistert, dass wir wieder nach Portugal geflogen sind und mehr Teile gekauft haben. So kam das eine zum anderen.

Betreibt ihr Motel a Mio jetzt hauptberuflich?
Im Moment arbeiten wir beide noch nebenher. Anna arbeitet als Art-Direktorin bei Triumph und ist Mutter von einer Tochter, Laura arbeitet als freie Grafik-Designerin und Illustratorin und ist Mutter von zwei Töchtern. Unser Plan ist es aber, uns bis Ende des Jahres voll auf Motel a Mio zu konzentrieren. Wir sind jetzt langsam an einem Punkt, an dem man sich entscheiden muss – entweder ganz oder gar nicht.

Habt ihr am Anfang lange überlegt oder war das eher eine Bauchentscheidung? Und musstet ihr etwas aufgeben dafür?
Es war eine absolute Bauchentscheidung! Viel mussten wir nicht aufgeben – irgendwie ist man in unserem Alter doch oft an einem Punkt, an dem man sich denkt „What’s next“? Wir können diese Frage jetzt für uns mit „Motel a Mio“ beantworten, das ist ein echtes Geschenk!

Hattet ihr vorher schon Erfahrungen mit Geschirr oder im Unternehmerinnensein? 
Wir lieben gutes Essen, und da isst das Auge ja bekanntlich mit, insofern haben wir uns schon immer für all die schönen Dinge rund um den Esstisch interessiert. Beruflich haben wir uns vorher allerdings nicht mit Keramik befasst. Der Einstieg ins Unternehmersein wurde uns auf dem Keramik- statt Silberteller serviert, als wir uns beim Mittagessen am Strand in die portugiesischen Tellerchen und Schälchen verliebt haben. Das war unser Aha-Moment.

Was für Geschirr verkauft ihr genau? 
Wir verkaufen Steinware, die in Portugal gefertigt und handbemalt wird. Dadurch entstehen echte Einzelstücke und kein Teil gleicht dem anderen. Auch die Möglichkeiten, was Farben und Formen betrifft, sind so quasi unbegrenzt. Unser Angebot reicht von Mini-Schälchen über Teller, Tassen und Bowls bis hin zu großen Servierschalen, Karaffen und Kännchen. Unsere erste eigene Linie „Areia“ ist in vier verschiedenen Farben erhältlich. Zur Auswahl stehen ein pastelliges Mint, lebhaftes Azur-Blau, ein volles Dunkelgrün namens Teal und unser hübsches Pink. Ganz eigene Designs in völlig neuen Formen kommen im November und Dezember dazu – darunter auch Home-Accessoires wie Vasen und Lampen.


Wer sind eure Produzenten? 
Unsere Produzenten sind kleine, teils familiengeführte Unternehmen in der Nähe von Lissabon. Portugal hat eine sehr starke Keramik-Tradition – man denke alleine an all die wunderschönen Kacheln und Fliesen, die sich an so vielen portugiesischen Gebäuden wiederfinden. Es gibt sogar eine eigene Keramik-Route, die besonders schöne Arbeiten in verschiedenen Städten aufzeigt. Unser Eindruck ist, dass das Keramikgewerbe dort auch heute noch (oder: wieder) floriert, das Interesse an individuellem Geschirr und Home-Accessoires steigt ja immer mehr.



Sind eure Entwürfe dann auch traditionell?
Unsere Entwürfe sind eher modern, aber wir lassen uns immer gerne von unseren Produzenten und den Designern vor Ort beraten. Eines haben wir dabei auf jeden Fall schon gelernt: Zwischen dem, was man sich auf dem Papier vorstellt und der tatsächlichen Herstellung von Keramik liegen oft Welten, vor allem was Farben und Farbmischungen betrifft. Der Brennprozess und die Reaktion von Rohmaterial und Glasur sind nicht immer berechenbar. Daher dauert es auch seine Zeit, bis wir uns für eine perfekte Farbe oder ein perfektes Design entschieden haben… 

Bislang habt ihr Pop-up-Stores in verschiedenen deutschen Großstädten gemacht. Wieso habt ihr euch für dieses Konzept entschieden? 
Das Konzept der Pop-up-Sales ist aus unserer Anfangs-Historie entstanden. Wir haben uns einfach herangetastet und für uns entschieden, dass es momentan das Richtige ist. So haben wir die Möglichkeit, in verschiedenen Städten zu sein, coole Locations auszuprobieren und müssen uns nicht auf einen Ort festlegen. Für uns sind diese Sales fast eine Art Roadshow: Wir zeigen den Leuten wer wir sind, wie wir ticken und was wir im Angebot haben. Im Gegenzug haben wir so auch die Möglichkeit, die Leute kennenzulernen, die wir mit unserer Begeisterung für schöne Keramik aus Portugal anstecken konnten. Und viele glückliche Gesichter zu sehen – das lieben wir besonders. 

Bleibt es künftig dabei oder habt ihr noch andere Pläne? 
Zusätzlich zu den Pop-up-Sales gibt es einen Onlineshop – darauf freuen wir uns schon riesig! Ab heute gibt es dort unsere eigenen Kreationen zu erstehen, bequem von zu Hause aus. Und vom 22. – 24. September machen wir wieder einen Sale in Berlin. Köln soll übrigens unser nächster Stopp werden – falls jemand einen Location-Tipp hat: immer her damit!

Wie kommt ihr auf die Formen und vor allem Farben eurer Keramik? Ich habe solche Farben vorher noch nie gesehen…
Da spielt das besondere portugiesische Keramikhandwerk eine große Rolle – wir waren auch von Anfang an von den wunderschönen Farbverläufen fasziniert. Die handwerklichen Techniken unserer Produzenten machen so schöne Glasuren möglich und geben uns natürlich perfekte Voraussetzungen, unsere Ideen umzusetzen. 

Welche Stücke stehen gerade auf eurem Küchentisch?

Unser derzeitiger Liebling ist unsere „Areia“ Kollektion – wir kombinieren wahnsinnig gerne die verschiedenen Farbtöne miteinander. So entstehen tolle, individuelle Tischsets, auf die wir wirklich stolz sind. Aber es ist schwierig, sich da dauerhaft festzulegen. Gerade wenn wir wieder neue Kreationen geliefert bekommen, tauschen wir gerne auch mal aus. Will ja alles getestet und für gut befunden sein.

Den Onlineshop von Motel a Mio findet ihr hier. Der nächste Pop-up-Store eröffnet von Freitag bis Sonntag (täglich von 11-19 Uhr, sonntag von 11-16 Uhr) in Berlin, Kastanienallee 19.

23 MAL WOHNUNGSTAUSCH: ZWEI PAARE ÜBER IHRE ERFAHRUNGEN MIT DIESER ANDEREN ART DES REISENS

Ich habe hier ja immer mal wieder erwähnt, wie wir in den letzten Jahren Urlaub gemacht haben: Statt uns ein Hotel zu suchen, tauschen wir unsere Wohnung mit anderen Familien. Jedes Mal, wenn ich davon auf Slomo schreibe, bekomme ich Mails mit all den Fragen, die auch wir hatten, bevor wir uns auf einem Haustauschportal angemeldet haben: Findet ihr es nicht komisch, wenn wildfremde Menschen in eurer Wohnung leben? Wie geht das eigentlich? Und habt ihr schlechte Erfahrungen gemacht? Nun haben die beiden Journalisten Jessica Braun und Christoph Koch (Bild oben) mit „Your home Is My Castle” (Piper) ein tolles Buch geschrieben, das ausführlich vom Haustauschfieber erzählt. Also dachte ich: Frage ich sie doch mal all die Fragen, die bei mir zum Thema Haustausch angekommen sind. Und stelle unsere Antworten gleich dazu – so könnt ihr sehen, wie ähnlich die Erfahrungen sind, die man mit dieser Art des Reisens macht…

Wieso macht ihr Haustausch?

Jessica & Christoph: Wir sind schon immer gern gereist, haben uns in Schottland kennengelernt und in Las Vegas geheiratet. Von Haustausch hatten wir schon mal gehört, es aber nie in Erwägung zogen - bis wir auf einen tollen Bericht von Okka und Peter stießen. Günstiger und authentischer reisen klang zu gut, um es nicht auszuprobieren. Mittlerweile sind es vor allem die besonderen Erfahrungen, wegen denen wir dabei sind: Midsommar feiern mit den schwedischen Nachbarn, Halloween in den USA und Weihnachtsessen bei einer uns bis dahin unbekannten australischen Familie. Das hätten wir wohl alles nicht erlebt, wenn wir ein Hotel gebucht hätten.  

Peter & ich: Als wir Eltern wurden, mussten wir uns überlegen, wie wir künftig verreisen wollten (und konnten). Hotelzimmer sind für Kinder nicht unbedingt angenehme Orte, weil sie meistens für Erwachsene eingerichtet sind, Pauschalurlaube in Strandnähe oder Ferienhäuser sind eher nichts für uns, weil wir unseren Urlaub gerne in Großstädten verbringen und beide nie einen Führerschein gemacht haben. Die Lösung für uns waren Tauschwohnungen – und sie war so elegant, dass wir uns bis heute fragen, wo an ihr eigentlich der Haken ist. In Wohnungen unterzukommen, in denen es Küchen, genauso viel Playmobil wie zu Hause und manchmal auch einen Garten gibt, ohne dass man dafür etwas bezahlen muss, ist fast zu gut, um wahr sein zu können. Es ist aber bis jetzt schon zwölf Mal wahr gewesen.

Für jemanden, der das noch nie gemacht hat: Wie funktioniert so ein Haustausch? 

Jessica & Christoph: Wir haben mit einem Probeaccount angefangen. Den bieten die meisten Portale an. Ein bisschen ist es wie Online-Dating: Man erstellt ein Profil, in diesem Fall für sich und die eigene Wohnung oder das Haus und beschreibt möglichst ehrlich seine Vorzüge. Man kann auch auflisten, was man zusätzlich anbietet (z.B. Autotausch oder Nahverkehrskarte) und worauf man Wert legt (z.B. dass die Katze gefüttert und nur auf dem Balkon geraucht wird). Die Fotos sollten möglichst alle Bereiche in Wohnung oder Haus zeigen, die für die Gäste relevant sind. Dann sucht man entweder selbst nach Tauschpartnern, indem man Wunschorte und Reisezeitraum in die Suchmaske eingibt und passende Mitglieder anschreibt. Oder man macht es so wie wir und lässt sich finden. Das heißt wir warten ab, wer uns einen Tausch anbietet und wählen dann daraus aus. 

Peter & ich: Bei uns war das ähnlich. Wir haben einen Account angelegt und es einfach mal versucht. Schon im ersten Monat hatten wir Angebote aus der ganzen Welt. Und dann kam eine Email aus Paris von einer Familie, deren Tochter genauso alt war wie Fanny, und das hat sofort gepasst. Weil wir neulich in einer Email danach gefragt wurden: Man kann sich immer aussuchen, mit wem man tauscht und immer nein sagen, wenn einem ein Angebot nicht zusagt. Wir lassen uns in den allermeisten Fällen auch finden und reagieren auf Anfragen. Ich kenne aber auch Familien, die aktiv nach ihren Traumreisezielen suchen und dort Familien anschreiben. 


Wie oft habt ihr schon getauscht und wohin seid ihr gereist?

Jessica & Christoph: Wir waren bisher elfmal unterwegs: Kopenhagen/ Dänemark, Princeton/ USA, Barcelona/ Spanien, Stockholm/ Schweden, Oaxaca/ Mexiko, Oakland/ USA, Paris/ Frankreich, Perth/ Australien, High Wycombe/ England, Calgary/ Kanada und Turin/ Italien.

Peter & ich: Wir haben diesen Sommer unseren zwölfen Haustausch gemacht. Wir waren bislang in Paris, Stockholm, Amsterdam und New York (bis auf Stockholm jeweils mehrmals). Und wenn alles klappt, geht´s im nächsten Frühjahr nach Irland.

Findet ihr es denn gar nicht komisch, wenn wildfremde Menschen in eurer Badewanne sitzen, aus euren Kaffeetassen trinken und in eurem Bett schlafen (oder noch schlimmer: nicht schlafen)?

Jessica & Christoph: Ehrlich gesagt nicht. Wir denken auch bei Parkbänken nicht drüber nach, wer dort schon gesessen hat. Bei Hotelbadewannen, wer darin schon gebadet hat oder bei Restaurantgläsern, wer sich daraus schon betrunken hat. Schon klar: Das eigene Zuhause ist etwas Besonderes, aber Dinge werden dadurch ja nicht entweiht, dass sie jemand anderes benutzt. Und wenn Menschen zu Besuch in unserer Wohnung sind, sich dort wohlfühlen und in unserer Abwesenheit dort Sex haben: Ist doch schön für sie!

Peter & ich: Geht uns ganz genauso. Man tauscht ja ohnehin nur mit Menschen, die einem sympathisch sind und lernt sich vorher schon ganz gut kennen – schreibt sich viele Emails, schickt ein paar Fotos, skypt vielleicht. Dabei entsteht eine Art Fernfreundschaft. Und wenn wir von unseren Reisen wieder nach Hause kommen, sieht unsere Wohnung meistens sauberer und ordentlicher aus, als wir sie hinterlassen haben. Wir finden die Vorstellung auch nicht unbehaglich, dass irgendwer unsere Kaffeebecher benutzt oder auf unserem Sofa liegt. Wir machen ja das gleiche in ihrer Wohnung. Am Ende muss man aber wahrscheinlich einfach der Typ dafür sein.  

Was sind die positiven Seiten des Haustauschens?

Jessica & Christoph: Für uns sind es zum einen die Orte, die wir so entdecken. Das amerikanische Princeton oder englische High Wycombe zum Beispiel. Das sind keine klassischen Reiseziele und wir wären wohl nie darauf gekommen, dort Urlaub zu machen. Dank des Haustauschens haben wir diese beiden verträumten Kleinstädte kennengelernt, in denen wir eine tolle Zeit hatten. Haustauschen ist für uns eine Art Reise-Wundertüte. Dann sind da die Menschen, mit denen wir zu tun haben. Mit vielen unserer Tauschpartner sind wir immer noch in Kontakt. Sie sind uns ans Herz gewachsen – selbst wenn wir manche nie persönlich getroffen haben. Und wir entdecken uns selbst immer ein wenig neu: sind mal Gartenbesitzer oder Katzenhalter auf Zeit, üben uns in dänischer Gemütlichkeit oder stehen mit den Engländern im Dorf-Pub am Tresen. Das erlaubt uns einen anderen Blick auf uns und die Welt. 

Peter & ich: Erstmal ist es natürlich unglaublich luxuriös, seine Ferien in einer Wohnung zu verbringen, manchmal auch in riesigen Häusern. Dann reisen wir meistens mit sehr leichtem Gepäck, weil vieles einfach schon vor Ort ist (vor allem: Kinderspielzeug und mit Glück auch ein Kinderwagen). Man lernt Menschen kennen, die man sonst niemals kennengelernt hätte. Mit den meisten Familien stehen wir immer noch in Kontakt. Und mit zwei Familien haben wir öfter als nur einmal getauscht, weil wir einander (und die Wohnungen) so mochten. Wunderbar sind auch immer all die Tipps, die man bekommt: Lieblingscafés und die besten Bäcker oder Ideen, was man mit den Kindern unternehmen könnte. Dann ist da auch noch der Empfang vor Ort. Jede der Familien, mit denen wir getauscht haben, hat sich richtig viel Mühe gegeben, uns die allerbeste Zeit zu bereiten – mit Briefen, vorbereiteten Abendessen oder Willkommens- und Abschiedsgeschenken.  



Und was die negativen? Habt ihr auch schlechte Erfahrungen gemacht?

Jessica & Christoph: Beim Dreimonatstausch in Kalifornien haben wir unsere Freunde nach einer Weile vermisst. Auch wenn man ja beim Tauschen oft Nachbarn und Freunde des Tauschpartner übernimmt bzw. vermittelt bekommt. Schlechte Erfahrungen mit den Tauschpartnern, deren Domizilen oder der Behandlung unserer Sachen gab es exakt null. 

Peter & ich: Wir haben bislang tatsächlich auch keine einzige schlechte Erfahrung gemacht. Bis auf eine Teekanne (die sofort ersetzt wurde), ist auch immer alles heil geblieben. Das einzig Anstrengende am Haustauschen ist vielleicht die Vorbereitung der eigenen Wohnung. Das ganze Hübsch- und Saubermachen hat aber natürlich den Vorteil, dass man mindestens zweimal im Jahr die Wohnung ausmistet.

Hat man auch eine Chance, wenn man nicht gerade in einem Penthouse in Berlin-Mitte wohnt?

Jessica & Christoph: Ah, der Klassiker unter den Online-Kommentaren zu Artikeln oder Interviews über das Haustauschen! Klar bekommt man mehr Anfragen, wenn man an touristisch attraktiven Orten wohnt. Aber wir haben auch schon mit einem englischen Dorf oder einem schwedischen Vorort getauscht. Und für unser Buch haben wir mal auf den einschlägigen Plattformen recherchiert: Da sind auch Wohnungen und Häuser aus der tiefsten deutschen Provinz oder aus dem Ruhrgebiet inseriert und die haben auch schon mit der ganzen Welt getauscht. Geht also alles. 

Peter & ich: Wir haben auch schon mit einem Stockholmer Vorort getauscht. Manche Paare und Familien wollen auch gerne Angehörige oder Freunde besuchen, die nicht immer in Großstädten wohnen – oder sind beruflich unterwegs. Insofern würde ich es auf jeden Fall versuchen. 

Welche Portale sind gut? Lohnt es sich, sich bei verschiedenen Portalen anzumelden?

Jessica & Christoph: Homelink, HaustauschFerien und Intervac sind schon relativ alt, gut beleumundet und haben viele Inserate. Wir sind bei zwei verschiedenen Plattformen, um noch mehr Auswahl zu haben und weil wir für das Buch noch eine zweite testen wollten, um zu sehen, ob es große Unterschiede gibt. Den Eindruck haben wir aber nicht, deshalb reicht für die meisten Tauscher wohl ein Portal. Testberichte von Stiftung Warentest gibt es hier

Peter & ich: Bei uns stehen noch Homestay und Love Home Swap auf der Ausprobierliste. Für Designliebhaber gibt es auch noch Behomm – eine Plattform für Kreative.



Die überraschendste Erkenntnis, die euch das Haustauschen beigebracht hat?

Jessica & Christoph: Dass Orte einen unschlagbaren Charme entwickeln, wenn man sie durch die Augen eines Menschen betrachtet, der dort lebt. Fast alle Haustauscher halten Tipps für Restaurants und Ausflüge parat. Denen zu folgen, führt einen an die manchmal ulkigsten, meist aber zauberhaftesten Plätze.  

Peter & ich: Wie anders man Städte kennenlernt, wenn man nicht mehr dort unterkommt, wo die Hotels sind. Man bekommt ein Gefühl dafür, wie es wäre, würde man tatsächlich in Brooklyn oder einem Vorort von Stockholm wohnen.

Voraussetzung für das Haustauschen ist logischerweise, dass man jemandem, den man nicht kennt, vertraut. Wie schafft man das?

Jessica & Christoph: Einfach ausprobieren. Wenn man es wirklich nicht kann, kann man es nicht. Aber für uns war’s einfacher als vorher gedacht.

Peter & ich: Die ersten beiden Male waren wir vorm Haustausch unfassbar nervös. Am meisten bei der Landung in New York. Was, wenn wir mit unserem Kind einmal über den Atlantik geflogen sind, und am Ende gibt es dieses Haus überhaupt nicht? Tatsächlich war bislang jede Wohnung ganz genau so, wie sie auch beschrieben wurde. Und jeder unserer Haustauschpartner hat sich für uns total ins Zeug gelegt. Da fällt es wirklich leicht, Vertrauen aufzubauen. 

Fühlt man sich eigentlich ungerecht behandelt, wenn man in eine deutlich kleinere Wohnung kommt?

Jessica & Christoph: Weiß man ja vorher – und wenn einem die Wohnung zu klein ist, muss man auch nicht tauschen. Wir brauchen tendenziell ein bisschen mehr Platz, weil wir oft auch von unterwegs arbeiten und manche Wohnungen nicht darauf ausgelegt sind. Aber auf jeden Tausch, bei dem wir ein wenig zusammenrücken, kommt mindestens einer, bei dem wir selbst in der dritten Woche noch das Gefühl haben, immer neue Zimmer, Seitenflügel und Geheimtrakte zu entdecken. 

Peter & ich: Bei uns hat sich das bislang auch immer die Waage gehalten. In Paris sind die Wohnungen meist kleiner als unsere, dafür waren wir in New York in zwei unfassbar luxuriösen Häusern untergebracht. Und man weiß immer vorher, in was für einer Wohnung man landet – wieviele Zimmer und Quadratmeter sie hat, wie sie eingerichtet ist und ob das für einen passt oder nicht. Uns ist auch gar nicht so irrsinnig wichtig, dass die Wohnungen, in denen wir landen, unglaublich groß oder luxuriös sind. Enttäuschungen gab es deshalb nie. 

Wäre Airbnb nicht erfolgsversprechender, weil man kein Pendant finden muss, und dazu noch lukrativer, weil man seine Wohnung untervermieten könnte, während man weg ist?

Jessica & Christoph: Airbnb ist in der Tat unkomplizierter, weil man als zahlender Kunde eine riesige Auswahl hat. Aber es ist meist eben auch nicht so persönlich und als Vermieter wiederum hat man nicht diesen Vertrauensbonus der Gegenseitigkeit. Ob es wirklich lukrativer ist, wissen wir auch nicht: Denn selbst, wenn man seine eigene Superbude in Bestlage für 100 Euro pro Nacht bei Airbnb los wird, bleiben nach Gebühren und Steuern vielleicht noch rund 60 Euro übrig. Und für die bekommt man auf Airbnb ja in Paris, Stockholm oder New York wiederum nicht viel geboten. Wenn man tauscht, kann man dort leben wie ein König. Und eigentlich ist es ja auch schön, dass Wohnungstausch die Versprechen der Sharing Economy erfüllt, die diese sonst manchmal schuldig bleibt. 

Peter & ich: Wir haben das bislang nie ausprobiert, weil wir zufrieden mit unseren Haustauschreisen sind und sehr mögen, dass es um Gegenseitigkeit geht und Geld tatsächlich mal keinerlei Rolle spielt (von der An- und Abreise einmal abgesehen). Außerdem mögen wir den Geist des Wohnungstauschens. 



Beim Haustauschen wohnt man nicht nur in einer fremden Wohnung, sondern gewissermaßen in einem fremden Leben. Wie ist das?

Jessica & Christoph: Wenn wir eine Wohnung oder ein Haus zum ersten Mal betreten, fühlen wir uns immer ein bisschen wie Einbrecher. Dieses Fremdeln geht zum Glück aber nach ein paar Tagen vorbei. Umgeben von den Möbeln, den Büchern und Familienfotos der Tauschpartner fühlen wir uns diesen mit der Zeit zunehmend nahe. Vielleicht auch wegen des großen Vertrauens, das die andere Familie uns offensichtlich entgegenbringt. Auch wenn man nur per Email Kontakt hat, hat Haustausch viel mit Miteinander zu tun. Es ist ein bisschen wie Urlaub bei Freunden, die man noch nicht kennengelernt hat. 

Peter & ich: Das Ankommen ist tatsächlich ein seltsamer Moment. Man schließt zum ersten Mal eine völlig fremde Wohnung auf und betritt dann sein Zuhause für die nächsten Tage oder Wochen, meistens von Menschen, die man nie zuvor gesehen hat. Lustigerweise verschwindet dieses Fremdelgefühl mit jedem weiteren Haustausch immer schneller. Und wir lassen uns auch immer schneller und bereitwilliger auf dieses fremde Leben ein – folgen den Tipps unserer Haustauschpartner, essen zum Frühstück, was sie gerne essen oder besuchen ihr Lieblingsmuseum. Das ist jedes Mal eine große Bereicherung. 

Ganz ehrlich: wirklich nie in der Privatsphäre eures Tauschpartners gestöbert?

Jessica & Christoph: Wirklich nie. Hand aufs Herz. Bücher- und Plattenregale zählen ja nicht. Wenn man da nicht reinschaut, ist das ja fahrlässiges Desinteresse an der anderen Partei. Einmal poppte auf einem Computer, den wir zum Drucken benutzen durften, dauernd ein Skype-Fenster mit Chatprotokollen auf. Selbst da haben wir ohne Hitzewallung Control-Q gedrückt. Hat aber weniger mit immenser Selbstkontrolle zu tun als mit der Ahnung, dass am Ende doch eh alles wahnsinnig langweilig und banal wäre, was man fände. Wie bei einem selbst eben auch. 

Peter & ich: Auch ganz ehrlich und ohne Schummeln: noch nie. Bei unserem letzten Haustausch hat Hedi in zehn unbeobachteten Sekunden allerdings die Wäscheschublade unserer Tauschpartner ausgeräumt – Schubladenausräumen ist gerade ein Riesending für sie. Das war uns so unangenehm, dass wir ihnen sofort geschrieben und alles gebeichtet haben. Uns interessiert der Inhalt von irgendwelchen Schubladen und Schränken überhaupt nicht. Bei uns zu Hause wird auch nichts versteckt oder weggeräumt. Wir räumen immer eine Schrankhälfte und eine Kommode leer, das gleiche im Kinderzimmer und Bad. Ansonsten bleibt alles da, wo es ist. 

Habt ihr irgendwelche Tipps?

Jessica & Christoph: Respektvoll sein. Und großzügig. Wer anfängt, Quadratmeter aufzurechnen oder Putzfrauenstunden versus Autobenutzung, der wird nicht froh. Einfach alles in die Tauschwaagschale werfen, was man so anzubieten hat und sich über das freuen, was man dafür im Gegenzug bekommt.  

Peter & ich: Offen sein für Orte oder Ecken von Städten, die man sonst vielleicht nicht in Erwägung gezogen hätte (lustigerweise waren das immer die besten Urlaube). Und einmal für alle Gäste, die kommen, eine Riesenliste mit Lieblingsorten, praktischen Informationen (wo findet man einen guten Hausarzt? Wo stehen die Mülltonnen?) und Freunden machen, die notfalls mal mit irgendetwas helfen können. Ansonsten tatsächlich: großzügig sein. Es lohnt sich so sehr. Man kommt in eine fremde Wohnung (und in fremde Länder), aber immer auch ein bisschen nach Hause.



Alle Bilder: Jessica Braun & Christoph Koch.
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DER AUGUST 2017 (UND WAS IHN GUT GEMACHT HAT)


WIE DIE LETZTEN WOCHEN WAREN
Wild und anstrengend und glücksverklebt und chaotisch und schlaflos und innig. Hedi ist in den letzten Wochen riesengroß geworden, erkundet die Welt, schläft nicht besonders viel, bekommt Zähne, sagt neineinei, versucht zu laufen, lacht sich scheckig und ist überhaupt die allergrößte Quatschgurke (irgendwann arbeiten wir auch mal an nicht-beknackten Kosenamen, aber sie ist wirklich eine Quatschgurke). Dann waren da sechs Wochen Sommerferien, zwei davon in Amsterdam – noch einmal in der Haustauschwohnung des Paares, das wir beim letzten Mal so mochten. Den Rest der Ferien sind wir herumgebutschert und haben die Wohnung kistenfrei geräumt (der Keller zählt nicht, oder?). Jetzt hat Hedi ein Zimmer, und unsere Gäste haben ein Bett. „Herdwärme” ist auch fertig und kommt noch diesen Monat in die Buchläden. Was ich immer noch nicht glauben kann. 

DER SCHÖNSTE MOMENT
Nee, da kann ich mich nicht entscheiden. Dieser Bummel-Nachmittag mit Fanny, den wir hauptsächlich in unserem Lieblingsbuchladen verbracht haben – sie mit ihrem Riesenstapel und ich mit meinem, und dann haben wir von allen Büchern die erste Seite gelesen und unsere Lieblinge mit in die Ferien genommen. Sie: „Mein glückliches Leben”. Ich: „Fangirl”. Und der Vormittag, den ich alleine durch Amsterdam gelaufen bin, am Anfang noch total gehetzt, dann nicht mehr. Und dieser Abend, als wir uns auf dem Beamer unseres Haustauschpaares „Tschick” angeschaut haben, als die Kinder unerwartet früh eingeschlafen waren. „Tschick” und süße Lakritze und Reden im Dunkeln. 

WAS ICH MIT NACH HAUSE GENOMMEN HABE
Außer Schokohagel fürs Brot: eine große Plattenspielerliebe. In Amsterdam haben wir den Morgen oft damit begonnen, Platten aufzulegen, echte Schallplatten, aus Vinyl, die man nach der Hälfte vom Rücken auf den Bauch legen musste, wie früher. Das war so schön, dass ich mir zu Hause gleich auch einen Plattenspieler gekauft habe. Ein Modell mit eingebauten Boxen, das ungefähr so klingt wie damals mein Kinderzimmerplattenspieler, aber ich bin total verknallt. Ins Plattenaussuchen und ganz vorsichtig die Nadel aufsetzen, an das Knistern, bevor der erste Song beginnt, ans mal wieder ganze Platten hören (statt die ewig gleichen drei Lieblingssongs) und ins Herumstöbern in einem Plattenladen. Letzten Sonntagmorgen haben wir im Bett Jackson 5 gehört. Und Dusty Springfield. 

WAS ICH GERADE NONSTOP TRAGE
Diesen Armreif, den ich geschenkt bekommen habe, und über den ich mich wirklich jeden Tag freue. Und diese schwarze Strickjacke von Arket. Die sieht jetzt gar nicht spektakulär aus, ist aber einfach ganz genau richtig: nicht zu lang, nicht zu weit, angenehm weich. Sofort angezogen und seither ständig getragen. Habt ihr euch den neuen Onlineshop von H&M schon angesehen? Ich habe mir auch noch dieses Tuch und diese Mütze für die Mädchen bestellt. Außerdem trage ich ein neues Lieblingslippenrot: „Dozen Carnations” von MAC. Ein lautes Rot, das aber nicht schreit. 

RAUF UND RUNTERGEHÖRT
Die Hörspiele auf Ohrka – einem werbefreien und kostenlosen Hörportal für Kinder ab 5 (danke nochmal für den Tipp, Anne!). Katharina Thalbach liest „Alice im Wunderland”, Anke Engelke das „Dschungelbuch”, dazu gibt´s Reportagen wie „Woher kommt unser Frühstück?”. Wirklich toll. 

ENDLICH GESEHEN
Ich hatte mir für die Ferien eine Liste von Filmen aufgeschrieben, die ich im Kino verpasst habe und unbedingt sehen wollte. Außer „Tschick” (den ich übrigens sehr mochte): „Manchester by the Sea” (den ich großartig fand, aber schwer ausgehalten habe) und „Moonlight”, der mich total umgehauen  hat. Wirklich: restlose Begeisterung. 

GERADE ENTDECKT
Den Proben-Service des Naturkosmetik-Onlineshops Amazingy. Sehr praktisch, wenn man so untalentiert wie ich darin ist, auf Anhieb die richtige Make-up- oder Lippenstift-Farbe zu finden oder erst einmal schauen möchte, ob ein Produkt passt und gefällt. Mein Favorit: der „Space Balm Corrector” von Hiro, den ich mir gleich bestellt habe. Verdeckt sehr gut dunkle Augenringe, funktioniert aber auch als Lidschatten-Primer. Und das „Precious Oil” von M Picaut (wirklich ein Wahnsinnsöl, allerdings kein Schnäppchen, deswegen steht es erst mal nur auf dem Wunschzettel).

GERNE GEKLICKT 
* Wenn die Eltern aus dem Haus ausziehen, in dem man groß geworden ist: „Zuhause gibt es nicht mehr.” 
* Die Gesichter von Frauen kurz vor der Geburt ihrer Kinder – in Schweden und Tansania: „Giving birth in different worlds”.
* Noch so eine Entdeckung: Alexis Foreman und ihre Style Memos. (Ich liebe auch ihren Instagram-Account und habe tagelang versucht, noch irgendwo diesen Jumpsuit von COS zu finden, leider vergebens).
* Diese vier Pflaumen-Rezepte. Fehlt nur noch ein richtig gutes Pflaumenkuchen-Rezept. Kennt jemand von euch eines ohne Hefeteig?
* Ein Blick in die Mode-Geschichte: Vintage Patterns Wiki.
* Ein Schwimmlehrer, sein schwierigster Schüler und was er ihm beigebracht hat: „In a Swimming Pool, Learning to Trust”.
* Ein Kochbuch, auf das ich mich unheimlich freue: „Salt, Fat, Acid, Heat”.
* Mit 40 ganz alleine – ohne Partner, Kinder oder Eltern. Steven W. Trasher über ein unterschätztes Freiheitsgefühl.
* Diese Geschichte über Marie-France Cohen. Zusammen mit ihrem Mann hat sie zuerst das französische Kindermode-Label Bonpoint und dann den legendären Pariser Concept-Store Merci gegründet. Nach dem Tod ihres Mannes gründet sie nun eine dritte Firma: Démodé. Bei Garance Doré gibt es auch Bilder ihres wunderschönen Hauses.
* Wie kann man heute noch Magazine machen – vor allem für jüngere Leser? Elaine Welteroth wurde im Alter von 29 Jahren Chefredakteurin der amerikanischen Teen Vogue. Und hat das Magazin radikal verändert.
* Warum wir so anfällig für Geschichten über Französinnen sind (jupp, ich auch!): „How to Sell a Billion-Dollar Myth Like a French Girl”.

Wie war denn euer Sommer? Ich hoffe, er hat euch so richtig verwöhnt.
Schönes Wochenende!
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